Romppel, M. (1992). Geschwisterposition und Persönlichkeit. Inhaltsanalytische Untersuchung an biographischem Material. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Institut für Psychologie, Georg-August-Universität Göttingen.

Ausführliche Zusammenfassung

Zielsetzung der Arbeit war, die von Gauquelin entwickelte Charakter-Traits-Methode auf eine neue inhaltliche Fragestellung anzuwenden, um zur Bewertung dieser Methode einen weiteren Beitrag zu leisten. Bei dieser Methode werden aus biographischen Texten nach bestimmten Regeln Eigenschaftsbeschreibungen der dargestellten Person exzerpiert. Der Einfluß der Stellung in der Geschwisterreihe, der Geschwisterposition, auf die Persönlichkeitsentwicklung wurde als inhaltliches Thema gewählt.

In kulturellen Überlieferungen und im alltagspsychologischen Denken existieren eine Reihe von stereotypen Vorstellungen über Geschwisterbeziehungen und über die mit einer bestimmten Geschwisterposition verbundenen Eigenschaften. Für diese Stereotype lassen sich unter anderem Beispiele in Märchen, Mythen, Literatur und Dichtung finden. Zur Erklärung von Unterschieden zwischen Inhabern verschiedener Geschwisterpositionen liegen psychologische, biologisch-physiologische und ökonomische Theorien vor. Einige dieser Ansätze werden dargestellt. Gängige Vorgehensweisen der Forschung auf diesem Gebiet können durch den Charakter der Variable Geschwisterposition begründet werden, wobei der nicht-theoriegeleitete Ansatz vieler Untersuchungen kritisch gesehen werden muß. Für verschiedene methodische Ansätze bestehen spezifische Fehlermöglichkeiten, insbesondere die Konfundierung der Geschwisterposition mit anderen sozialen Hintergrundvariablen ist eine wichtige Fehlerquelle. Für einige ausgewählte Themenbereiche (Anschlußbedürfnis, Leistungsmotivation, Konservatismus, Neurotizismus, Extraversion und Geschlechtsrollen) wird die Forschungslage knapp referiert, dabei zeigt sich, daß sehr inkonsistente Ergebnisse vorliegen und die Untersuchungen häufig nicht der methodischen Forderung nach Einbezug von Kontrollvariablen genügen.

Aus der Literatur zur Geschwisterposition wurden die folgenden Hypothesen entnommen: Erstgeborene sind konservativer, leistungsmotivierter, anschlußbedürftiger, neurotischer, introvertierter und zeigen mehr für ihr Geschlecht typische Eigenschaften als Personen anderer Geschwisterpositionen. Andere Hypothesen postulieren höhere Leistungsmotivation für Zweitgeborene und höheren Neurotizismus für Letztgeborene. Zwei konträre Hypothesen zum Einfluß des Geschlechts des Geschwisters auf das geschlechtstypische Verhalten lagen vor: Die Imitationshypothese besagt, daß Personen eher geschlechtstypische Verhaltensweisen des Geschlechts ihres Geschwisters zeigen, die Kontrasthypothese besagt, daß sie eher geschlechtstypische Verhaltensweisen zeigen, die dem Geschlecht des Geschwisters entgegengesetzt sind.

Aus einem biographischen Werk über berühmte amerikanische Frauen, das für die vorliegende Fragestellung als besonders geeignet betrachtet werden kann, wurde eine Zufallsstichprobe von 440 Personen gezogen. Für die vorliegende Untersuchung wurden die Exzerptionsregeln der Traitexzerptionsmethode präzisiert und in einigen Punkten modifiziert, u.a. wird die Exzerption von Ausdrücken gefordert, die die Ausprägung der Eigenschaften näher bestimmen. Zu den Gütekriterien der Methode werden ausführliche Überlegungen angestellt. Insbesondere die Frage der Validität erscheint problematisch. Die exzerpierten Eigenschaftsbezeichnungen wurden auf den hypothesenrelevanten Persönlichkeitsdimensionen eingeschätzt, wozu Literatur zu den einzelnen Persönlichkeitskonstrukten herangezogen wurde. Die Geschwisterposition kann auf verschiedene Arten operationalisiert werden. Ausführliche Überlegungen zur Erfassung dieser Variablen führten zu drei Operationalisierungen: biologische Position, psychologische Position unter Ausschluß verstorbener Geschwister und von Geschwistern mit großem Altersabstand zur untersuchten Person sowie unter Berücksichtigung von Stiefgeschwistern, ferner die Position unter den weiblichen Kindern der Familie. Für die Prüfung der Hypothesen zum geschlechtstypischen Verhalten wurde das Geschlechterverhältnis unter den Geschwistern in biologischer und psychologischer Betrachtungsweise als abhängige Variable definiert. Als Kontrollvariablen wurden die Geschwisterzahl, der sozioökonomische Status und die Religionszugehörigkeit der Eltern, der Verlust der Eltern, das Geschlecht des Autors und der historische Kontext in die Untersuchung einbezogen.

Eine Überprüfung der intersubjektiven Zuverlässigkeit der Traitexzerption ergab befriedigend hohe Übereinstimmungen. Der Vergleich mehrerer Artikel über eine Person aus verschiedenen biographischen Lexika ergab niedrige, teilweise negative Korrelationen zwischen den ermittelten Persönlichkeitsmaßen. Diese können eventuell auf die relativ geringe Menge an persönlichkeitsrelevantem Material in den biographischen Artikeln zurückgeführt werden; bis zu einer umfangreicheren Untersuchung dieses Validitätsaspektes sollte die Validität des Verfahrens jedoch als nicht gesichert betrachtet werden.

Die Geburtsjahre der untersuchten Personen schwanken von 1597 bis 1897, wobei die überwiegende Anzahl der Personen im 19. Jahrhundert geboren wurde. Durchschnittlich konnten 12.54 Einheiten der Persönlichkeitsbeschreibung ("Traits") pro Person exzerpiert werden, mit einer Schwankungsbreite von 0 bis 79 Traits. Die Anzahl exzerpierter Traits zeigte einen positiven Zusammenhang mit der Länge des biographischen Artikels und dem Geburtsjahr der Person; männliche Biographen verwendeten insgesamt weniger Persönlichkeitsbeschreibungen. Die einzelnen Persönlichkeitskonstrukte konnten unterschiedlich präzise erfaßt werden, am besten Extraversion, am schlechtesten Anschlußbedürfnis und Maskulinität. Die Persönlichkeitsmaße zeigen ein plausibles Interkorrelationsmuster, das nicht allein auf die gleich- oder gegensinnige Kodierung der Traits zurückgeführt werden kann.

Für die Prüfung der Hypothesen wurde die Methode der multiplen Regressionsanalyse gewählt. In jede der Analysen gingen 21 Prädiktoren ein, die Geschwisterposition wurde jeweils auf die drei oben beschriebenen Arten operationalisiert. Alle statistischen Hypothesen mußten zurückgewiesen werden, es ergaben sich jedoch einige andere signifikante Zusammenhänge. Um diese Zusammenhänge näher zu bestimmen, wurden Faktorenanalysen der Persönlichkeitsvariablen durchgeführt und Regressionsanalysen mit den Faktorscores als Kriterium gerechnet. Eine Analyse einzelner Traitbezeichnungen ergab keine signifikanten Zusammenhänge mit der Geschwisterposition.

Die gefundenen Zusammenhänge werden für die einzelnen Prädiktorvariablen dargestellt und versuchsweise interpretiert. Sie lassen sich selten in bestehende Theorien einordnen. Methodische und inhaltliche Aspekte zur Bewertung der Ergebnisse werden diskutiert und Empfehlungen für die zukünftige Untersuchung der Methode und der inhaltlichen Fragestellung gegeben.

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